Brent-Rohöl notierte Anfang 2025 noch zwischen 75 und 85 US-Dollar pro Barrel. Dann eskalierten die Spannungen an der Straße von Hormuz. Durch diese Meerenge fließen täglich rund 20 Millionen Barrel Rohöl — etwa 20 Prozent des weltweiten Verbrauchs. Keine andere Handelsroute der Welt bündelt auch nur annähernd so viel Energie auf so engem Raum.
- Was hinter der Hormuz-Krise steckt
- Warum eine vollständige Blockade unwahrscheinlich bleibt
- Warum der Schock weiter reicht als bis zur Zapfsäule
- Gewinner und Verlierer im Depot
- Depot absichern: Drei Ebenen gegen den Ölpreis-Schock
- Energieaktien, Gold oder Öl-ETC — was taugt als Absicherung?
- Geopolitisches Risiko langfristig managen
- Hormuz als Weckruf
Für Privatanleger in der DACH-Region ist das kein abstraktes Planspiel. Es trifft Depots direkt: über Energiepreise, Inflation, Geldpolitik und branchenspezifische Kursreaktionen. Wer die Mechanismen kennt, kann sein Portfolio gezielt widerstandsfähiger aufstellen.
Deutschland importierte 2023 rund 1,7 Millionen Barrel Rohöl pro Tag. Schätzungsweise 10 bis 15 Prozent davon haben einen direkten oder indirekten Hormuz-Bezug. Die tatsächliche Abhängigkeit reicht allerdings weiter: Etwa 25 Prozent des weltweiten LNG-Handels (Flüssigerdgas) passieren ebenfalls diese Meerenge. Seit der russischen Gaskrise 2022 hat Europa seine LNG-Importe aus Katar massiv ausgebaut. Eine Störung an der Straße von Hormuz trifft Europa also doppelt — über den Ölpreis und über den Gaspreis.
Was hinter der Hormuz-Krise steckt
Die Straße von Hormuz misst an ihrer schmalsten Stelle gerade einmal 34 Kilometer. Sie trennt den Iran von Oman und verbindet den Persischen Golf mit den offenen Weltmeeren. Die schiffbare Fahrrinne ist noch enger: zwei jeweils drei Kilometer breite Korridore, dazwischen eine drei Kilometer breite Pufferzone. Schmaler als der Bodensee an seiner breitesten Stelle. Die Anrainerstaaten — Saudi-Arabien, Irak, die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), Kuwait, Katar und Iran — fördern zusammen über 30 Prozent der globalen Ölproduktion.
Die Geschichte dieser Meerenge ist eine Geschichte permanenter Eskalation. Im Tankerkrieg zwischen 1984 und 1988 wurden Hunderte Schiffe angegriffen und die Versicherungsprämien explodierten. 2019 beschlagnahmte der Iran Tanker, Drohnen griffen die saudische Aramco-Anlage in Abqaiq an. Am 14. September jenes Jahres sprang Brent am selben Handelstag (intraday) um bis zu 19 Prozent — der größte Tagesanstieg seit 1991. Doch die Erholung kam ebenso schnell: Innerhalb von zwei Wochen hatte sich der Preis normalisiert, weil Saudi-Arabien die beschädigte Kapazität schneller wiederherstellte als erwartet.
Genau dieses Muster ist der entscheidende Punkt. Die sogenannte geopolitische Risikoprämie im Ölpreis — der Aufschlag, den Märkte für mögliche Angebotsausfälle einpreisen — wirkt meist nur kurzfristig. Historisch normalisierten sich die Preise innerhalb von Wochen bis wenigen Monaten, sofern keine dauerhafte Angebotsverknappung eintrat. Die Asymmetrie zwischen kurzer Panik und schneller Erholung macht die Situation tückisch: Wer im falschen Moment verkauft, realisiert Verluste, die der Markt anschließend wieder aufholt.
Warum eine vollständige Blockade unwahrscheinlich bleibt
In der medialen Berichterstattung dominiert das Extremszenario: Iran blockiert Hormuz, der Ölpreis verdoppelt sich, die Weltwirtschaft kollabiert. Das verdient eine nüchterne Einordnung.
Analysten bei Goldman Sachs und der IEA (Internationale Energieagentur) stufen eine vollständige Blockade als Extremszenario ein — aus einem oft übersehenen Grund: Der Iran selbst braucht die Straße von Hormuz für seine eigenen Ölexporte. Allein 2024 transportierte Iran schätzungsweise 1,5 Millionen Barrel seiner Ölexporte täglich über dieselbe Route. Eine Blockade wäre für Teheran ökonomische Selbstschädigung. Selbst in den schärfsten Konfrontationsphasen mit den USA hat Iran die Meerenge nie geschlossen.
Wahrscheinlicher sind partielle Störungen — einzelne Tanker-Vorfälle, Drohnenattacken, militärische Übungen nahe der Fahrrinne —, die den Ölpreis schrittweise nach oben treiben, ohne eine globale Versorgungskrise auszulösen. Die Mechanik dahinter ist subtiler als ein einfacher Preissprung. Steigende Versicherungsprämien für Tankerfahrten erhöhen die Transportkosten. Reedereien weichen auf längere Routen um das Kap der Guten Hoffnung aus, Lieferketten dehnen sich, Lagerbestände schrumpfen. Der Preis steigt nicht wegen tatsächlicher Knappheit, sondern wegen steigender Risikoaufschläge.
Für Anleger ist diese Unterscheidung zentral. Ein Extremszenario erfordert radikale Portfolioanpassungen. Partielle Störungen erfordern taktische Feinjustierung. Letzteres ist deutlich wahrscheinlicher.
Warum der Schock weiter reicht als bis zur Zapfsäule
Die Preismechanik wirkt zunächst simpel: Wird das Angebot knapper oder droht Verknappung, steigt der Preis. Bei Hormuz genügt bereits die glaubwürdige Androhung einer Blockade, um Futures (Terminkontrakte) in die Höhe zu treiben. Während der Tanker-Krise im Golf von Oman im Juni 2019 legte Brent an einem einzigen Tag rund 4 Prozent zu — obwohl die tatsächliche Liefermenge kaum betroffen war.
Die Sekundäreffekte wiegen oft schwerer. Ein sprunghaft steigender Ölpreis treibt die Inflation. Die EZB (Europäische Zentralbank) steht dann vor dem Dilemma, das seit der russischen Gaskrise 2022 bestens bekannt ist: Zinsen anheben und die ohnehin belastete Konjunktur weiter abwürgen? Oder niedrig halten und eine Lohn-Preis-Spirale riskieren?
Ein Rechenbeispiel macht die Dimension greifbar. Steigt Brent von 85 auf 110 US-Dollar — ein Plus von knapp 30 Prozent, wie es partielle Störungen durchaus auslösen können —, verteuert sich ein Liter Benzin in Deutschland um geschätzt 15 bis 20 Cent. Hochgerechnet auf den deutschen Verbrauch von 1,7 Millionen Barrel pro Tag bedeutet ein Aufschlag von 25 Dollar pro Barrel tägliche Mehrkosten von rund 42,5 Millionen US-Dollar. Auf ein Jahr: über 15 Milliarden. Dieses Geld fehlt beim Konsum, bei Investitionen, bei Unternehmensgewinnen.
Aktienindizes reagieren auf solche Schocks mit kurzfristigen Kursrückgängen (Drawdowns). Der DAX verlor in den Wochen vor der Irak-Invasion 2003 rund 15 Prozent, erholte sich aber innerhalb weniger Monate. Beim ersten Golfkrieg 1990 fiel er zwischen August und Oktober um rund 25 Prozent — stand aber sechs Monate nach Kriegsbeginn im Januar 1991 bereits wieder über dem Vorkrisenniveau. Das Muster wiederholt sich: Unsicherheit belastet stärker als das Ereignis selbst. Sobald Klarheit herrscht, stabilisieren sich die Kurse.
Ein oft übersehener Faktor: Die OPEC+ verfügte 2024 und 2025 noch über erhebliche freie Förderkapazitäten von geschätzt 4 bis 5 Millionen Barrel pro Tag, überwiegend in Saudi-Arabien und den VAE. Dazu kommt die saudische East-West-Pipeline, die rund 5 Millionen Barrel täglich vom Persischen Golf direkt zum Roten Meer transportieren kann — vollständig an der Straße von Hormuz vorbei. Diese Infrastruktur findet in kaum einer Standardanalyse Erwähnung, reduziert die Verwundbarkeit des globalen Ölangebots aber spürbar.
Gewinner und Verlierer im Depot
Nicht jedes Portfolio ist gleich exponiert. Die Unterschiede zwischen den Branchen sind erheblich.
Verlierer bei steigenden Ölpreisen
Airlines trifft es am härtesten. Kerosin macht 25 bis 35 Prozent ihrer Betriebskosten aus. Steigt Brent von 85 auf 110 Dollar, erhöhen sich die jährlichen Treibstoffkosten einer Fluggesellschaft mit 5 Milliarden Litern Kerosinverbrauch um grob 500 bis 700 Millionen Euro — je nach Hedging-Quote (dem Anteil des über Terminkontrakte gesicherten Kerosinbedarfs). Die Lufthansa-Gruppe sichert typischerweise 60 bis 80 Prozent ihres Bedarfs über Futures ab. Das verzögert den Schock, hebt ihn aber nicht auf. Ungehedgte Billigflieger trifft es sofort.
Chemiekonzerne leiden ebenfalls, weil Rohöl und Naphtha zentrale Inputfaktoren sind. BASF hat in früheren Ölpreisspitzen wiederholt Gewinnwarnungen ausgesprochen. Höhere Inputkosten treffen auf schwächere Nachfrage — die Kunden der Chemiebranche stehen ja unter demselben Kostendruck. Doppelter Margendruck.
Logistik, Konsumgüter und energieintensive Produzenten geraten ebenfalls unter Druck. Besonders betroffen sind Sektoren mit geringer Preissetzungsmacht, die höhere Kosten nicht weitergeben können.
Gewinner bei steigenden Ölpreisen
Ölproduzenten und Explorationsunternehmen profitieren direkt. Der iShares Stoxx Europe 600 Oil & Gas ETF weist über fünf Jahre eine Korrelation von über 0,7 mit dem Brent-Preis auf. Shell, TotalEnergies und BP haben in Preisphasen oberhalb von 90 Dollar Rekordgewinne erzielt. Auch Ölfeldausrüster wie SLB (ehemals Schlumberger) und Halliburton gehören zu den Profiteuren.
Rüstungskonzerne legen bei geopolitischen Eskalationen regelmäßig zu — weniger wegen des Ölpreises als wegen steigender Verteidigungsbudgets und erhöhter Nachfrage nach Sicherheitsinfrastruktur.
Gold bleibt der klassische Krisengewinner. Während der Golfkrise 1990/91 stieg das Edelmetall innerhalb weniger Wochen um rund 10 Prozent. Laut World Gold Council legte Gold in geopolitischen Krisen seit 2000 in den ersten 30 Tagen nach Eskalation durchschnittlich 5 bis 10 Prozent zu. Bei schneller Deeskalation verpufft der Effekt allerdings ebenso rasch.
Häufig übersehen: Erneuerbare-Energien-Aktien haben in Ölpreisspitzen eine ambivalente Bilanz. Ein hoher Ölpreis stärkt zwar das Argument für die Energiewende. Gleichzeitig steigen aber die Kosten für Stahl, Transport und Projektlogistik bei Wind- und Solarprojekten. Steigende Zinsen — eine häufige Folge von Ölpreisschocks über den Umweg der Inflation — drücken zudem die Bewertungen kapitalintensiver Wachstumsunternehmen. Europäische Clean-Energy-ETFs reagierten auf den Ölpreisanstieg 2022 per Saldo negativ.
Depot absichern: Drei Ebenen gegen den Ölpreis-Schock
Die wirksamste Maßnahme ist keine hektische Umschichtung, sondern eine ehrliche Bestandsaufnahme. Wie stark hängt das eigene Portfolio an steigenden Energiepreisen?
Wer den Kern seines Depots in breit gestreuten ETFs wie dem MSCI World hält, hat dort bereits einen Energiesektor-Anteil von rund 4 bis 5 Prozent — ein natürlicher, wenn auch begrenzter Puffer. Die indirekte Exposition wiegt schwerer: Industriewerte im MSCI World (rund 11 Prozent Gewicht) und zyklische Konsumgüter (rund 10 Prozent) sind energiepreissensitiv, ohne zum Energiesektor zu gehören.
Szenariorechnung für ein typisches Depot:
Ein Privatanleger hält 80.000 Euro: 60 Prozent MSCI World ETF (48.000 €), 20 Prozent Euro-Anleihen (16.000 €), 10 Prozent Einzelaktien Lufthansa und BASF (8.000 €), 10 Prozent Cash (8.000 €). Brent steigt von 85 auf 120 Dollar — ein Szenario mittlerer Schwere.
- MSCI World: Kurzfristiger Kursrückgang von 5 bis 8 Prozent, teilweise abgefedert durch den Energiesektor im Index. Geschätzt: minus 2.400 bis 3.800 Euro.
- Euro-Anleihen: Leicht negativ bei steigenden Inflationserwartungen, geschätzt minus 1 bis 2 Prozent. Minus 160 bis 320 Euro.
- Lufthansa und BASF: Als direkt betroffene Werte potenziell minus 15 bis 25 Prozent. Minus 1.200 bis 2.000 Euro.
- Cash: Unverändert — und jetzt als Nachkaufreserve nutzbar.
Gesamteffekt: Ein vorübergehender Buchverlust von 3.760 bis 6.120 Euro, also 4,7 bis 7,7 Prozent. Unangenehm, aber kein Desaster — sofern niemand in der Panik verkauft.
Ebene 1 — Sektorale Diversifikation prüfen. Wer Airlines, Chemie oder Logistik übergewichtet hat, sollte die Positionsgrößen hinterfragen. Nicht sofort verkaufen, aber ehrlich rechnen: Was passiert, wenn Brent auf 120 Dollar steigt? Lässt sich das aushalten?
Ebene 2 — Gezielte Beimischung. Eine moderate Aufstockung im Energiesektor oder bei Gold wirkt als Absicherung. Keine Spekulation, sondern Korrelationsausgleich: Wenn ölpreissensitive Positionen leiden, federn Energietitel oder Edelmetalle den Verlust ab. Eine Beimischung von 5 bis 10 Prozent Energieaktien und 5 bis 10 Prozent Gold reicht in den meisten Szenarien, um das Verlustprofil spürbar zu glätten.
Ebene 3 — Liquiditätsreserve halten. Cash ist in Krisenzeiten die am meisten unterschätzte Anlageklasse. Wer 10 bis 20 Prozent des Depotvolumens als Barreserve hält, kann bei Kursrückschlägen antizyklisch nachkaufen statt in der Panik zu verkaufen. Die besten Kaufzeitpunkte in geopolitischen Krisen lagen historisch nicht am Tag der maximalen Eskalation, sondern in den Wochen danach — wenn die Unsicherheit noch hoch war, die Panik aber bereits abflaute.
Ein nützlicher Vergleich: Deutschland unterhält strategische Ölreserven für rund 90 Tage Importbedarf, verwaltet durch den Erdölbevorratungsverband (EBV). Auch im eigenen Depot sollte es eine solche Reserve geben — nicht für 90 Tage, aber für genügend Handlungsspielraum.
Energieaktien, Gold oder Öl-ETC — was taugt als Absicherung?
Die Optionen unterscheiden sich erheblich in Kosten, Komplexität und Wirksamkeit.
Energieaktien und Energie-ETFs sind der direkteste Weg, an steigenden Ölpreisen zu partizipieren. Ein breit aufgestellter Energie-ETF wie der iShares Stoxx Europe 600 Oil & Gas bietet Zugang zu den großen europäischen Öl- und Gaskonzernen — ohne Rollkosten und ohne Contango-Risiko (beides Kostennachteile direkter Futures-Produkte), dafür mit Dividendenrenditen zwischen 4 und 6 Prozent. Nachteil: Energieaktien sind keine reine Ölpreiswette. Unternehmensspezifische Risiken und die generelle Marktstimmung spielen mit.
Rohstoff-ETCs auf Öl (Exchange Traded Commodities — börsengehandelte Rohstoffprodukte) verdienen besondere Vorsicht. Diese Produkte bilden den Ölpreis über Futures ab und unterliegen dem Contango-Effekt. Die Mechanik dahinter: Öl-Futures haben ein Ablaufdatum. Läuft ein Kontrakt aus, muss der ETC in den nächsten, teureren Kontrakt rollen. Die Differenz frisst reale Rendite — auch wenn der Ölpreis selbst stabil bleibt oder steigt.
Ein konkretes Beispiel: Wer 2016 bei Brent 45 Dollar einen typischen Öl-ETC kaufte und 2019 bei 65 Dollar verkaufte, erzielte trotz 44 Prozent Ölpreisanstieg durch Rollverluste unter Umständen nur einen einstelligen Gewinn oder gar eine Nullrendite. Für kurzfristige taktische Positionen über wenige Wochen können sie sinnvoll sein. Als langfristiger Depotbaustein taugen sie nicht.
Gold bietet bewährten Schutz gegen geopolitische Unsicherheit, reagiert aber nicht spezifisch auf Ölpreise. In den ersten Wochen einer Eskalation wirkt es in der Regel als Krisenwährung. Danach hängt die Performance von der Gesamtlage ab, insbesondere von der Zinspolitik. Physisches Gold oder physisch besicherte Gold-ETCs haben keine Rollkosten und eignen sich als strategischer Depotbaustein. Wer sich für die Grundlagen der ETF-Auswahl interessiert, findet in unserem Artikel ETF-Grundlagen für Einsteiger eine systematische Einführung.
Inflationsgeschützte Anleihen bieten indirekten Schutz, weil steigende Ölpreise die Inflation treiben. Die Reaktion kommt allerdings verzögert und gedämpft — für einen akuten Ölpreisschock zu langsam, als langfristiger Portfoliobaustein aber durchaus sinnvoll. Für DACH-Anleger kommen insbesondere inflationsindexierte Bundesanleihen in Frage, gekoppelt an den harmonisierten Verbraucherpreisindex der Eurozone.
Geopolitisches Risiko langfristig managen
Die Hormuz-Krise 2026 ist nicht die erste geopolitische Eskalation. Sie wird nicht die letzte sein. Wer sein Depot nach jeder Krise hektisch umschichtet, zahlt Transaktionskosten, realisiert Steuern und verpasst mit hoher Wahrscheinlichkeit die Erholungsphase.
Der konstruktivere Ansatz: ein permanent robustes Portfolio, das geopolitische Schocks verkraftet, ohne aktives Eingreifen. Grunddiversifikation über Anlageklassen — Aktien, Anleihen, Rohstoffe, eventuell Gold — und eine geografische Streuung, die nicht einseitig auf importabhängige Volkswirtschaften setzt.
Ein häufiger Fehler ist die Überschätzung der eigenen Reaktionsfähigkeit. Studien zeigen: Privatanleger verkaufen bei geopolitischen Krisen systematisch zu spät und steigen zu spät wieder ein. Verhaltensökonomen nennen das Recency Bias — die Tendenz, die jüngste Kursbewegung in die Zukunft zu extrapolieren. Wenn der DAX in einer Woche 10 Prozent gefallen ist, fühlt es sich an, als würde er weitere 10 Prozent fallen. Historisch ist die Wahrscheinlichkeit einer Erholung in solchen Situationen aber deutlich höher.
In akuten Krisenszenarien korrelieren viele Anlageklassen stärker als gewohnt — die sogenannte Risk-Off-Korrelation. Die vermeintliche Diversifikation bietet dann weniger Schutz als erwartet. Erst wenn sich die Lage beruhigt, entfalten verschiedene Anlageklassen wieder ihre eigenständige Dynamik. Genau deshalb ist die Liquiditätsreserve so wertvoll: Sie bleibt als einzige Portfoliokomponente in einer Risk-Off-Phase in nominaler Hinsicht stabil.
Auch regulatorische Risiken verdienen Beachtung. Die EU hat während der Gaskrise 2022 gezeigt, dass sie zu unkonventionellen Maßnahmen greift — Gaspreisdeckel, Übergewinnsteuern für Energiekonzerne. Solche Eingriffe können die erwartete Rendite von Energieaktien empfindlich beschneiden. Wer Energieaktien als Ölpreis-Absicherung kauft, sollte dieses politische Risiko einkalkulieren: In einem Extremszenario profitieren Ölkonzerne zwar operativ, werden aber durch Sondersteuern oder Preisdeckel an der Weitergabe dieser Gewinne an Aktionäre gehindert.
Wer neu an der Börse ist und sich einen systematischen Überblick verschaffen möchte, findet in Aktien kaufen für Einsteiger: Die komplette Schritt-für-Schritt-Anleitung einen strukturierten Einstieg in den Wertpapierkauf.
Hormuz als Weckruf
Die Spannungen an der Straße von Hormuz sind eine Erinnerung: Geopolitische Risiken bleiben real. 20 Prozent der globalen Ölversorgung durch eine 34 Kilometer breite Meerenge — diese Konzentration tangiert jedes diversifizierte Portfolio.
Kurzfristige Preisschocks von 4 bis 19 Prozent an einem einzigen Tag sind historisch belegt. Die Sekundäreffekte über Inflation und Geldpolitik reichen weiter als der unmittelbare Ölpreisanstieg. Gleichzeitig zeigt die Historie, dass sich Märkte nach geopolitischen Eskalationen regelmäßig erholen — oft schneller, als die meisten Anleger erwarten. Der Abqaiq-Angriff 2019 war binnen zwei Wochen eingepreist. Der DAX-Einbruch zur Golfkrise 1990 war sechs Monate nach Kriegsbeginn überwunden.
Die sinnvollste Reaktion bleibt strukturell: Sektorale Klumpenrisiken identifizieren, eine moderate Rohstoff- oder Goldkomponente als Stabilitätsanker nutzen, Liquiditätsreserven vorhalten — und der Versuchung widerstehen, auf Basis von Schlagzeilen zu handeln. Das wahrscheinlichste Szenario ist kein apokalyptischer Ölschock, sondern eine Phase erhöhter Volatilität mit steigenden Risikoprämien. Für ein gut strukturiertes Depot ist das verkraftbar.
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