Europas Börsen November 2025: Risiken & Chancen für Anleger

Anouar Akhich
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Warum Europas Börsen mich gerade mehr nerven als meine Bafög-Rückzahlung

Ich saß gestern Abend vor meinem Depot und dachte mir nur: Scheiße. Der STOXX Europe 600 dümpelt bei circa 515 Punkten rum – irgendwo zwischen Hoffnung und Resignation. Genau da, wo ich auch bin, wenn ich meine Masterarbeit anschaue.

Die Zahlen sind ein einziges Durcheinander. Laut Refinitiv-Daten vom 4. November liegt der STOXX 600 seit Jahresbeginn ungefähr 8,3% im Plus – klingt erst mal nicht schlecht. Aber wenn ich mir die letzten Wochen anschaue, merke ich: Da bewegt sich nichts mehr. Tech-Werte steigen noch ein bisschen, klar, aber Konsumgüter? Autobauer? Die sacken ab wie meine Motivation im Wintersemester.

Mir fällt auf, dass alle von “gemischten Signalen” reden. Das ist so ein schöner Euphemismus für: Wir haben keine Ahnung, wohin die Reise geht. Die BIP-Prognosen für die Eurozone wurden diese Woche wieder nach unten korrigiert – Bloomberg meldete gestern gegen 15 Uhr etwa 0,7% Wachstum für Q4. Das ist weniger als das, was mein Girokonto an Zinsen abwirft.

Warum kauft noch jemand europäische Aktien?

Ehrlich gesagt verstehe ich den Optimismus nicht ganz. Vielleicht irre ich mich, aber wenn ich mir die Makrodaten anschaue, sehe ich hauptsächlich Probleme: Schwache Konsumentenstimmung in Deutschland (ifo-Index bei ungefähr 86,9 Punkten laut ifo Institut vom 25. Oktober), Energiepreise die immer noch verrückt spielen, und dann noch die ganze geopolitische Scheiße zwischen USA und China.

Ich war letzte Woche im VWL-Seminar und wir haben über Bewertungsmultiples gesprochen. Der durchschnittliche Kurs-Gewinn-Verhältnis im STOXX 600 liegt bei circa 13,2 – also eigentlich attraktiv verglichen mit den USA (S&P 500 bei über 19). Aber günstig ist nicht dasselbe wie gut. Das ist wie bei Aldi-Wein – klar, kostet nur 2,99 Euro, aber es gibt einen Grund dafür.

Die Branchendaten machen es auch nicht besser. Technologie und Gesundheit laufen noch halbwegs, da stimme ich zu. Aber Automobil? Minus ungefähr 12% seit August laut Factset-Daten. Einzelhandel kämpft mit schwachen Umsätzen. LVMH meldete letzte Woche enttäuschende Zahlen aus China – und plötzlich zittert der ganze Luxussektor.

Mir kommt das alles vor wie ein Auto, das nur noch auf zwei Zylindern läuft. Klar, es fährt noch. Aber würdest du damit einen Roadtrip machen?

Was mich am meisten nervt, ist diese Diskrepanz zwischen Realität und Erwartung. Die EZB senkt die Zinsen (aktuell bei 3,5% laut EZB-Statement vom 17. Oktober), alle jubeln, Aktien müssten steigen. Aber gleichzeitig sehen wir, dass Unternehmen ihre Gewinnerwartungen senken. SAP war eine der wenigen positiven Überraschungen – aber das ist halt ein Tech-Konzern, der von KI-Hype profitiert.

Angebot und Nachfrage funktionieren an der Börse eben nicht wie im Lehrbuch. Theorie sagt: Niedrigere Zinsen, mehr Geld fließt in Aktien. Praktisch? Die Leute haben Angst. Die Sparquote in Deutschland liegt bei über 11% – Tendenz steigend seit Sommer laut Statistischem Bundesamt.

Was also tun, wenn alles nach Bullshit riecht?

Ich habe für mich drei Sachen beschlossen – keine Anlageberatung, nur meine Gedanken nach zu viel Koffein:

Erstens: Diversifikation bleibt König. Ich weiß, klingt langweilig. Aber wenn europäische Märkte schwächeln, dann hilft es, auch außerhalb zu schauen. MSCI World statt nur STOXX – das ist wie bei der WG-Party nicht nur das warme Bier aus der Küche zu trinken.

Zweitens: Branchen kritisch anschauen. Automobilaktien meide ich aktuell wie die Mensa-Lasagne. Zu viele strukturelle Probleme, China-Abhängigkeit, E-Auto-Transformation. Gesundheit und Tech erscheinen mir stabiler – auch wenn die Bewertungen nicht mehr so sexy sind wie vor zwei Jahren.

Drittens: Cash ist keine Schande mehr. Bei 3,5% auf Tagesgeld (okay, manche Direktbanken bieten aktuell sogar 3,8% laut Vergleichsportalen vom 3. November) muss ich nicht verzweifelt in jeden fallenden Markt reinbuttern. Das hätte mir mein Prof anders erklärt, aber der muss auch nicht mit echtem Geld umgehen.

Ich bleibe skeptisch, weil mir die Grundstimmung zu fragil erscheint. Europas Wirtschaft hängt am Tropf von Hoffnungen – Hoffnung auf bessere China-Daten, Hoffnung auf sinkende Inflation, Hoffnung auf politische Stabilität. Und Hoffnung ist keine Strategie.

Oder bin ich der Einzige, der findet, dass “gemischte Signale” nur ein anderes Wort für “wir haben keinen Plan” ist?

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Anouar Akhich ist Finanzblogger und Ökonom mit Sitz in Osnabrück, Deutschland. Er begeistert sich für Investitionen, ETFs, Aktien und clevere Geldstrategien und teilt praktische Tipps, um Lesern Schritt für Schritt beim Vermögensaufbau zu helfen. Mit Erfahrung in Rechnungswesen und Finanzmanagement macht Anouar komplexe Finanzthemen leicht verständlich.