Warum mich Großbritanniens Steuer-Theater nervt – und was das für mein Portfolio heißt
Gestern Abend scrolle ich durch Twitter und sehe: UK-Finanzministerin kündigt Budget-Verschärfungen an. Das Pfund zuckt nervös bei 1,26 Dollar rum, britische Gilts verkaufen sich wie warme Semmeln – aber in die falsche Richtung. Mir schießt sofort der Gedanke durch den Kopf: Macht die Labour-Regierung jetzt wirklich den klassischen Fehler?
Wenn Fiskalpolitik auf Realität trifft (Spoiler: Es wird hässlich)
Ich saß letzte Woche im Seminar zu makroökonomischen Schocks und wir diskutierten genau das – was passiert, wenn eine Regierung gleichzeitig Steuern erhöht UND Ausgaben kürzt. Die Theorie sagt: restriktive Fiskalpolitik dämpft Nachfrage, senkt Inflation, sollte theoretisch gut sein. Die Praxis? Bloomberg meldete gestern gegen 15 Uhr, dass die Märkte bereits höhere Risikoprämien auf UK-Staatsanleihen einpreisen. Circa 15 Basispunkte mehr als noch vor zwei Wochen.
Vielleicht irre ich mich, aber das riecht nach einer Mischung aus Panik und rationaler Erwartungsbildung. Die Regierung verspricht Haushaltsdisziplin – cool. Aber gleichzeitig bedeutet weniger Staatsausgaben in einer Phase, wo die britische Wirtschaft ohnehin nur um 0,4% wächst (Office for National Statistics, Q2 2024), dass du der Wirtschaft aktiv Luft abdrückst.
Die Reaktion der Märkte ist wie bei einem schlechten Tinder-Date. Alle wollen eigentlich, dass es funktioniert – höhere Steuern sollten Schulden reduzieren, das Budget stabilisieren. Aber dann kommt die Realität: Wachstum bricht ein, Steuereinnahmen bleiben hinter Erwartungen zurück, und plötzlich ist die Verschuldungsquote trotzdem höher. Super Idee – wenn man an Ricardianische Äquivalenz glaubt und denkt, Menschen reagieren perfekt rational.
Das Pfund als Kanarienvogel im Kohlebergwerk
Mir fällt auf: Das Pfund dümpelt seit der Ankündigung merkwürdig lustlos vor sich hin. Kein Drama wie bei Liz Truss’ Mini-Budget-Desaster 2022 – aber auch keine Erholung. Die Financial Times schrieb heute morgen, dass Devisenhändler abwarten, ob die Bank of England ihre Zinssenkungspläne nochmal überdenkt. Aktuell liegen die Erwartungen bei ungefähr 4,5% bis Jahresende.
Das ist wie bei Omas Sparbuch – nur mit mehr politischem Risiko. Du parkst dein Geld in britischen Assets, hoffst auf stabile Renditen, und dann kommt die Regierung und verschiebt die Spielregeln. Ich hatte selbst mal einen kleinen Anteil UK-Dividendenaktien im Depot, hauptsächlich wegen der attraktiven Ausschüttungen. Seitdem Labour an der Macht ist, zuckt mein ETF-Screener bei jedem britischen Unternehmen nervös.
Warum kaufen Investoren überhaupt noch britische Staatsanleihen, wenn die Kombination aus höheren Steuern und Ausgabenkürzungen das Wachstum abwürgt? Die Antwort ist vermutlich: Weil sie glauben, dass die Alternative – unkontrollierte Schulden wie unter den Tories – noch schlimmer wäre. Aber das ist verdammt dünnes Eis.
Meine persönliche Haltung: Ich bleibe skeptisch gegenüber britischen Investments, bis ich sehe, wie sich die Zahlen entwickeln. Fiskalpolitik ist kein Schalter, den man umlegt und dann ist alles gut. Es braucht Zeit, Geduld – und vor allem Wachstum. Wenn die UK-Regierung glaubt, sie kann sich durch Sparen aus der Krise rechnen während Deutschland und Frankreich längst wieder investieren, dann viel Erfolg damit.
Oder bin ich der Einzige, dem diese ganze “Wir sparen uns gesund”-Nummer mittlerweile massiv auf die Nerven geht?
Tags: UK, Fiskalpolitik, Steuern, Märkte, Währung, Staatsanleihen